Nachrichten aus Bayreuth

25.01.2012 20:24

Internist Bertram Schmack: Das Risiko, an Krebs zu erkranken, kann eingeschränkt werden

BAYREUTH. Ein künstlicher Darmausgang ist oft die Folge einer Darmkrebserkrankung. Doch das Krebsrisiko kann eingeschränkt werden. Im Gespräch mit Kurier-Volontär Torsten Ernstberger erklärt Dr. Bertram Schmack, Internist, Gastroenterologe und Proktologe, warum es wichtig ist, die Vorsorge ernst zu nehmen und mit welchen Belastungen Menschen mit künstlichem Darmausgang zu kämpfen haben.

Bertram Schmack

Frage: Erkranken nur ältere Menschen an Darmkrebs?

Bertram Schmack: Nein. Allerdings nimmt die Häufigkeit der Krebserkrankungen im Alter zu. Ab dem 50. Lebensjahr steigt diese erkennbar an. Auch wenn es im engeren Familienkreis bereits Krebserkrankungen gab, ist man eher gefährdet.

Frage: Wie kann man das Risiko einschränken?

Schmack: Das A und O ist die Vorsorge. Der Gesetzgeber empfiehlt ab dem 56. Lebensjahr eine Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung in Form einer endoskopischen Untersuchung des Dickdarms (Koloskopie) und ab 50 einen Stuhlbluttest. Die Kosten werden übernommen. In etwa 80 Prozent der Fälle laufen Krebserkrankungen über Polypen ab. Findet man diese in einem frühen Stadium, kann man sie entfernen und so den Krebs fernhalten. Deshalb ist die Untersuchung des Dickdarms, die Endoskopie, so wichtig. Aber leider scheuen sich viele Menschen vor dieser Untersuchung.

Frage: Warum?

Schmack: Vielleicht haben die Menschen Angst vor der Untersuchung, weil leider immer noch die wildesten Gerüchte über diese Untersuchung kursieren. Dabei läuft die Endoskopie völlig sanft ab: Der Patient schläft bei der Untersuchung und ist nach dem Aufwachen sehr schnell wieder völlig fit. Jährlich erkranken fast 70 000 Deutsche an Dickdarmkrebs, zudem sterben jährlich etwa 30 000 daran. Das muss nicht sein, wenn man das Thema Vorsorge ernst nimmt.

Frage: Woran erkennt man, dass im Darm etwas nicht stimmt?

Schmack: Das Leitsymptom ist Blut im Stuhl. Dann sollte man sofort einen Arzt aufsuchen. Leider denken viele Menschen, dass das Blut von aufgeplatzten Hämorrhoiden kommt, die zwar lästig sind, aber ungefährlich. Häufig kommt das Blut auch von Hämorrhoiden, aber eben nicht immer. Ein weiteres Symptom kann plötzlich auftretender unregelmäßiger Stuhlgang sein.

Frage: Wird Darmkrebs festgestellt, wird der Tumor operativ entfernt. Aber wann muss ein künstlicher Darmausgang gelegt werden?

Schmack: Wenn es nicht gelingt, den Tumor ganz herauszuschneiden, ohne den Schließmuskel zu erhalten. Je näher der Tumor an der Austrittsöffnung des Darmes liegt, nämlich ein bis zwei Zentimeter, desto schwieriger wird es, den künstlichen Darmausgang zu verhindern. Es ist aber oft möglich, den künstlichen Darmausgang nur temporär zu setzen und ihn später zurückzuverlegen. Dazu muss der Schließmuskel intakt sein. Es ist oft ratsam, erst einen temporären Ausgang zu setzen. Wenn Probleme entstehen, kann immer noch ein dauerhafter Darmausgang gemacht werden.

Frage: Wie ist die Reaktion der Patienten, wenn sie erfahren, dass ein künstlicher Darmausgang unumgänglich ist?

Schmack: Vor allem die psychische Belastung ist enorm. Zur Angst bei einer bösartigen Erkrankung kommt die Furcht, nicht mehr gesellschaftsfähig zu sein. Der Patient muss verinnerlichen, dass ein künstlicher Darmausgang keine Krankheit ist. Deshalb ist die Aufklärung sehr wichtig. Hier leisten die Selbsthilfegruppe Ilco und Stomatherapeuten wichtige Arbeit. Man kann mit einem künstlichen Darmausgang ein normales Leben führen und muss nicht in Depressionen verfallen. Selbst das Sexualleben ist durch einen Kunstdarm kaum beeinträchtigt.

Frage: Eine Haupteinschränkung ist das tägliche Ausspülen des Darmes. Wie schnell gewöhnt sich ein Stomaträger daran?

Schmack: Das lernt man schnell. Das ist für Stomaträger bald genauso normal wie das tägliche Zähneputzen.

Frage: Haben Stomaträger den Krebs eigentlich vollständig besiegt?

Schmack: Wenn der Tumor noch nicht gestrahlt hat – sich also keine Metastasen gebildet haben –, bevor er entfernt wurde, dann ja. Mit einem künstlichen Darmausgang kann man lange leben. Und vermutlich wird der Patient nicht an Darmkrebs sterben. Jedoch gehört auch die Nachsorge dazu: Alle drei Jahre sollten erneut eine Koloskopie und zunächst halbjährlich eine Ultraschall-Untersuchung und eine Blutuntersuchung gemacht werden.

 INFO  Nächste Woche stellen wir Ihnen den Kinderwunschverein vor.


© Nordbayerischer Kurier

Seite weiterempfehlen

auf Facebook teilen auf Twitter teilen per eMail weiterleiten

Anzeige